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Muss nur der Dirigent den Rhythmus kennen?

von Archiv

Außerdem vertiefte er chromatische Stimmübungen, das bewusste Aussingen von Glissandi und widmete sich in ausdauernder Weise Takt- und Rhythmusübungen, die bereits das eigentliche Chorseminar einleiteten. Alle diese Übungen sollten u.a. die Konzentration und das Rhythmusgefühl sowie die Stimm- und Atemstütze verbessern. Vor allem das taktbewusste Stampfen (das an eine Kosakenpatrouille erinnerte) zeigte ganz unmittelbar die Absicht des Dirigenten. So konnte man danach wohlgemut die Noten zur Hand nehmen und sich auf die spanische Weise „Al lado de mi cabana" (Die kleine Hütte) einstimmen. Es ist dies ein lautmalerischer Liedsatz, der ein zauberhaftes Stimmungsbild aus der Sierra malt, wobei sich jemand über das Singen der Hirten und das ferne Flötenspiel von ganzem Herzen freut. Der Dortmunder Komponist Gerhard Rabe (1944) hat den lautmalerischen Chorsatz als verzwicktes und rhythmisch geprägtes Arrangement mit deutsch-spanischen Text neu vertont und verlangt den Sänger viel an Stimmwitz, Intonationssicherheit und stimmlicher Sorgfalt ab. Doch es lohnt sich allemal das ganze gesangliche Können in die Waagschale zu werden, da dem Arrangeur wirklich ein guter Wurf gelungen und der unentwegte Dirigent für seine Suche belohnt worden ist.

Dieser lobte hin und wieder seine Sänger (bei denen Klaus Lüdke in dem einen oder anderen Folklorelied auch als Chorsolist auftrat), ohne mit seinen Vorstellungen hinter dem Berg zu halten. Diese apostrophierten nur die Stimmübergänge, Tonsprünge oder Stimmpassagen, die er noch sorgfältiger gestaltet haben wollte. Das galt natürlich ebenso für die Akzentuierungen, die Lautstärkewechsel, die richtige Diktion, die klanglichen und dynamischen Nuancen in dem einen oder anderen Fall, die Phrasierungen und die authentische Interpretation! Dabei regte er mit seiner verschmitzten Frage, ob nur der Dirigent den Rhythmus kennen sollte, zum Schmunzeln an. Ebenso wie mit dem spontanen „Schreittanz", mit dem er den Tenören wiederum das Taktgefühl demonstriert wollte. Er hatte dabei die Sänger hinter sich beordert, die ihrem Chef im Gänsemarsch folgten und dabei den rechten Rhythmus an den Tag legten. Ein kunterbuntes Bild fürwahr. Aber von unschätzbarem musikpädagogischen Wert. Denn, o Wunder, die Tenöre hatten sogleich den richtigen Rhythmus aufgenommen. Wurm ist wahrer Chorstratege, der mit allen Kniffen arbeitet, um die Sänger auf die richtige Fährte zu locken. Das tat er auch bei den Tempi der spanischen Weise, die stimmlich wirklich ihre Tücken hat und daher eine hellwache Text- und Stimmbehandlung erfordert.

 

Der Dirigent meinte sogar, dass man in jedem Augenblick präsent und höllisch aufpassen müsse. Doch die rechte Stimm- und Atemstütze helfe über so manche stimmliche und rhythmische Hürde hinweg! In der Weise atmet wohl eine „spanische Seele", wie sie auch in den slawischen Tanzliedern zu verspüren ist. Eine solche Seele offeriert auch das Volkslied „Zu Lauterbach" (Strumpflied), das von Hans Weiss-Steinberg (1927-2003) arrangiert worden ist und wie ein Ländler mit viel Musikantenton klingt. Die Tenöre imitieren hierbei wie im Zupfgeigenhansl (so der humorige Chorleiter) ein Begleitinstrument. Auch bei diesem pfiffig gesetzten Volkslied darf man unbeschwert zu Werke gehen, denn so kann es sein, dass man dafür bestraft wird! Das gilt selbstverständlich nicht für die Sänger, obwohl der Dirigent meinte, dass man alle Töne kennen müsse und noch mehr den Blick auf ihn richten sollte. Darüber hinaus mahnte er, die Töne noch weniger zu forcieren, die Stimmansätze noch weicher und geschmeidiger zu gestalten, die Taktwechsel noch besser zu befolgen und noch mehr beim Singen zu lächeln. Man müsse sich immer wieder vor Augen halten, dass Singen eine ausdrucksbetonte Bildersprache sei.

Mit diesem Wissen darum sei es authentischer beim Publikum zu punkten. So wäre es beim „swingenden" Volkslied „Zu Lauterbach" auch ratsamer, bei den Crescendi den Mund noch mehr zu öffnen. Wie überhaupt den Lippen und dem Mund (im wahrsten Sinn des Wortes) viel Bedeutung zukommt, die letztlich in der rechten Vokalfärbung gipfelt! Das amerikanische Traditional „Shenandoah" (in englischer Sprache intoniert) aus Virginia mit seinen fließenden Tempi, Quarten und Synkopen, die reizende plattdeutsche Serenade „Dat du min Leevsten büst" (erinnert an Schuberts „Zögernd leise") im Satz von Michael Schmoll (1958) und der fidele Liedsatz „Ins Heu" (Es hatt´ ein Bauer ein schönes Weib) von Klaus Ochs (1934-95) waren bei dem Dirigenten und seinen geforderten und bereitwilligen Sängern in besten Händen. Das trifft ebenfalls auf die Liedkantate von amerikanischen Folksongs zu, die Otto Groll (1935) recht gekonnt arrangiert hat. Sie stellen für unsere Chöre und das Publikum eine schöne Angelegenheit dar. Das eigentliche Highlight war die in „chaotischer Chorposition" beeindruckend präsentierte erwähnte niederdeutsche Ballade.

Walter Dohr

 

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